Laut Graburn (1989) zielten Reisende am Beginn des neuzeitlichen Tourismus zunächst auf Bildung. Erst danach wurden Badereisen modern, die nicht Bildung, sondern Erneuerung und Reinigung zum Ziel hatten. Kuren waren die ersten Erholungsreisen. Dass die Geschichte nicht immer so chronologisch abläuft, zeigt nicht zuletzt Michel de Montaignes „Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581“, wo er Bildung mit Heil kombinierte. Wie dem auch sei, liest man Montaigne oder noch besser die Tagebücher und Ratgeber der Badereisenden des 18. und 19. Jahrhunderts dann geht es bei Heilung oft um Reinigung. Und wovon reinigt man sich da? Von Verschmutzungen des modernen Lebens, die weniger konkrete Krankheiten auslösen als einfach nur ein Gefühl der Schwäche und Degeneration – zumindest vom Arzt F.X.Mayr wird eine solche Beschreibung noch in den 1950er Jahren gewählt. Darüber hinaus funktioniert diese Heilung und Reinigung nicht ausschließlich durch kurative Aktivitäten wie Baden, Sport oder Massage. Nein, die Badereisenden verspielen ihr Geld im Casino und amüsieren sich. Das von der Sozialversicherung dominierte Kurwesen des 20. Jahrhundert sieht in der traditionellen Kur daher nur eine Ausrede für Hedonismus. Die Erholung der Kur, die Befreiung von Leid und Krankheit habe nichts mit Hedonismus zu tun. Im Gegenteil, sie erfordere harte Arbeit. Einziges Vergnügen das bleibt ist die Betrachtung der schönen Landschaft.
Von Reinigung an sich wird heute nur noch verhältnismäßig wenig gesprochen. F.X. Mayr ist zwar noch immer en vogue, Leute baden zwar nach wie vor im Heilwasser, nützen den Heilstollen und wenden Diäten und Darmreinigung an, aber wenn sie darüber sprechen, dann vergleichsweise wenig mit Worten der Reinigung im engeren Sinne. Trotzdem tun sie noch ähnliche Dinge. Sie kommen nach wie vor zur Regenerierung und zur Erneuerung. Sie erfrischen sich hier, lassen das Schlechte des Alltags zurück oder entfernen ihn im Erholungsurlaub. Frische Luft, reines Wasser und die Berge an sich scheinen dabei zu helfen. Kann man also nicht nach wie vor von einem Reinigungsprozess sprechen? Ja, denn auch der traditionelle Badetourismus bezog sich nicht nur auf eine körperliche Reinigung, sondern auf einen weit größeren Prozess der Erneuerung und Wiederherstellung, der wesentlich besser mit dem englischen Begriff der Re-Creation umschrieben kann. Wörtlich übersetzt ging es also um Wiedererschaffung. Und hat nicht Erschaffung und Schöpfung mit Reinheit zu tun?
Noch keine Kommentare bis jetzt
Kommentieren
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>